Wie es ist, ein Tier zu töten – Mein Weg vom “Allesfresser” zum bewussten “Wild-Vegetarier”

 

Vorab:
Lange habe ich überlegt, ob ich über ein derart kontrovers diskutiertes Thema einen Beitrag schreiben soll – dennoch wollte ich der Sache einige Zeilen widmen. Es handelt sich hier ausschließlich um meine eigene Meinung, meine eigenen Erfahrungen und meine eigenen Ansichten. Ich gebe die Dinge genau so wieder, wie ich sie wahrnehme und empfinde. Weder möchte ich hier jemanden von meiner Sicht auf die Dinge überzeugen, noch erhebe ich den Anspruch, dass meine Einstellung der Weisheit letzter Schluss ist. Alle die sich ggf. schon jetzt “leicht angetriggert” fühlen, sollten besser erst gar nicht weiterlesen, alle anderen bekommen eine 100% ehrliche und unzensierte Sicht auf die Dinge, so wie ich sie erlebt habe.

Kannst du ein Tier töten? – Dieser Frage gehe ich hier auf den Grund

Inhalt

 1. Fleisch in allen Facetten – so war es bis vor einigen Jahren
 2. Der Weg zur Jagdausbildung – Wissen aneignen ja, töten nein
 3. Ich hinterfrage meinen bisheriges Konsumverhalten
 4. Meine Erkenntnis und der Wandel
 5. Ich habe ein Tier getötet
 6. Abschließende Gedanken

Fleisch in allen Facetten – so war es bis vor einigen Jahren

Es gab eine Zeit, da habe ich Fleisch relativ undifferenziert konsumiert – ich möchte es sogar als achtlos bezeichnen. Morgens ordentlich Aufschnitt, Mittags schnell nen Burger oder ein Leberkäse-Brötchen und abends den Grill an und alles drauf, was der Kühlschrank hergab. Gekauft wurden die Vorräte meist im Supermarkt-Kühlregal. Massentierhaltung? – Ja, schon mal von gehört. Biofleisch? –  Ist zu teuer bei den Mengen. Kaufen vor Ort beim Schlachter/Metzger?- Bedeutet ne Extratour, viel zu unpraktisch! 

Der Weg zur Jagdausbildung – Wissen aneignen ja, töten nein

Die Jagdausbildung war schon lange ein Wunsch, es fehlte nur immer der zündenden Funke vom “Wollen” einfach mal ins “Machen” zu kommen. Irgendwann war aber der Moment gekommen und ich stellte den Kontakt zur örtlichen Kreisjägerschaft her, um mich über die Ausbildung zu informieren. Mein Antrieb war es, als seit jeher sehr naturverbundener Mensch, durch diese Ausbildung mein Wissen und die Kenntnis über viele Zusammenhänge weiter zu vertiefen und zu erweitern, es lag mir zu diesem Zeitpunkt fern, je ein Tier zu töten. Daher war auch eine meiner ersten Fragen, ob dies Bestandteil der Ausbildung ist. Entgegen der (für mich bis dahin) landläufigen Meinung ist es dies mitnichten – heißt also ich konnte all das Wissen “mitnehmen”, aber würde mein Gewissen nicht  belasten. Es wurde mir sehr freundlich, geduldig und ausführlich erklärt, dass zwar das Aufbrechen und Zerwirken (also das Ausnehmen und Verarbeiten) des Wildes schon Bestandteil der praktischen Ausbildung ist, jedoch eben nicht das Antragen des tödlichen Schusses. Ich unterschrieb die Anmeldung und zur meiner großen Freude hat meine Partnerin das gleiche getan – also hieß es fortan für mehr als ein halbes Jahr gemeinsam wieder die “Schulbank” drücken.

Ich hinterfrage meinen bisheriges Konsumverhalten

Schon nach kurzer Ausbildungszeit wurde mir deutlich, mit wie viel Respekt die Ausbilder der Natur und auch deren Lebewesen entgegentraten. Es wurde in der Theorie immer wieder betont, dass Brauchtum seit jeher in der Jägerschaft tradiert wird und großen Wert darauf gelegt wird. Um nur einige der vermittelten Dinge zu nennen: Nach dem Schuss hält der Jäger neben dem erlegten Stück inne (ein absolut bewegender Moment, den jeder anders erlebt – nicht selten kommen hier auch große Emotionen ins Spiel), die Gabe des letzten Bissens (hier wird ein von einigen wenigen dazu bestimmten Baumarten abgebrochener Zweig ins Maul des erlegten Tieres gelegt), das Verblasen (das Spielen eines Jagdhornsignals zu Ehren und aus Respekt gegenüber des erlegten Wildes), etc. Dem Leben derart Respekt zu zollen hat mich sehr beeindruckt und zum Nachdenken über mein bisheriges Konsum- und Essverhalten bewogen – dazu jedoch später mehr.

Irgendwann innerhalb der Ausbildung kam dann der Tag, wo auch wir praktisch ein Tier Aufbrechen und Zerwirken durften. Ich war recht nervös vor diesem Tag, denn bisher hatte ich derartiges noch nie miterlebt, geschweige denn selbst getan (Ich komme aus keiner jagdlichen- oder landwirtschaftlichen Familie). Ich war sehr demütig vor dieser Aufgabe und dieser unmittelbare Kontakt mit dem Tod eines Tieres und dem damit verbundenen Herstellungsprozess eines hochwertigen Lebensmittels hat meine Achtung vor dem Leben und dem Lebewesen an sich auf ein bisher nie dagewesenes Maß gesteigert.

Meine Erkenntnis und der Wandel

Ich konnte meinen bisherigen undifferenzierten Fleischkonsum mit den neu dazugewonnenen (für mich teils wirklich tiefgreifenden) Erfahrungen nicht einfach so fortführen. Das Konsumieren einfach nur aus “des Fleisches Willen” lässt sich nicht mehr mit meinen neuen, gewachsenen und angepassten moralischen Vorstellungen vereinen. Ja ich mag Fleisch und nein, ich möchte nicht gänzlich darauf verzichten. Aber Fleisch von Tieren zu essen, die wohlmöglich nie das Tageslicht gesehen haben, die unter Bedingungen existieren müssen (leben ist hier das falsche Wort), die für mich absolut nicht hinnehmbar sind, wo das einzelne Leben und auch das Leben an sich nicht respektiert wird und das Tier einfach Mittel zum Zweck ist – nein, sorry – da bleibt mir der Bissen im Halse stecken. Ja ich habe mich der Thematik gestellt und mich mal aktiv über einige Haltungsbedingungen informiert, wegsehen wie bisher wollte ich nicht. Ich will hier niemanden anprangern und ich weiß, dass letztendlich auch kein Landwirt seine Tiere schlecht behandeln möchte, nur leider diktiert der Preis (wie so häufig) und schlussendlich der Verbraucher wo es langgeht… Umso mehr wuchs mein Bewusstsein, dass Wild absolut frei ist. Keine Zäune, keine Stallungen – mehr Bio geht nicht. Wenn die Kugel den Lauf verlässt fliegt diese schneller als der Schall – ehe es also einen Knall vernimmt ist es auch schon tödlich getroffen. Kein Stress, kein Adrenalin (Vorausgesetzt der Schuss sitzt perfekt – dazu später mehr). Selbst beim besten Biofleisch, welches ich durchaus empfehle, wird das Tier auf dem letzten Weg zum Schlachthof großen Stress ausgesetzt. Dies wird häufig vergessen. Seltene Ausnahmen bilden hier diejenigen Biobauern, die ihre Tiere direkt auf der Koppel (in einem etwas abgesonderten Bereich von der restlichen Herde) erlegen lassen – die sogenannte Weideschlachtung.

Wenn wir – und hier spreche ich auch für meine Partnerin – Fleisch konsumieren, dann soll es zukünftig nur noch selbst erlegtes sein. Lieber verzichten wir auf regelmäßigen Fleischkonsum, dafür lieber bewusst genießen und dem hochwertigem Lebensmittel den Respekt zollen, den es verdient. Nur hierzu muss getötet werden – den Schritt bin ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegangen. Kann ich ein Tier töten?

Ich habe ein Tier getötet

Irgendwann kam der Tag X, ich hatte schon einige Monate den Jagdschein und eine feste, dauerhafte Jagdmöglichkeit, jedoch habe ich mir Zeit gelassen selbst aktiv zu jagen. Ich hatte mich zunächst erst in aller Ruhe mit dem Revier und all seinen Eigenschaften vertraut gemacht und mich der Hege gewidmet. Ich wollte nichts überstürzen, ich wollte mir sicher sein. Für mich ganz persönlich bedeutet dies auch: Ich besitze nur Kipplaufwaffen, dass heißt ich habe nur einen Schuss und kann nicht schnell nachladen. Das soll nicht heißen, dass das Führen einer Repetierwaffe zu waghalsigeren Schüssen verleitet, weil man “ja noch schnell einen zweiten Schuss antragen könnte”, nur stellt sich mir diese Frage per se erst gar nicht. Ein Schuss, eine Chance – hier muss alles passen. Wenn ich mir nicht 100% sicher bin, dann lasse ich es. Dies – das nehme ich nun einfach mal an – gilt jedoch bestimmt für die meisten Jäger, unabhängig von der Waffe. Der zweite für mich wichtige Aspekt ist, dass ich bisher jedes Tier durch heranpirschen erlegt habe. Heißt also, das achtsame und möglichst geräuschlose Annähern an das Tier, bis eine sichere Schussdistanz besteht. Ein Fehler, ein falscher Tritt, ein knackendes Ästchen oder ein Rascheln des Laubes und das Tier flüchtet. Für mich bedeutet das Chancengleichheit. Verhalte ich mich tollpatschig, muss ich mit dem nicht vorhandenen Jagderfolg abfinden und somit auch einem leerem Gefrierfach leben. Stelle ich mich geschickt an, mache ich Beute (so wie es eben auch in der Natur ist). Der Schuss aus 100m von einem Hochsitz aus (Ansitzjagd) ist für mich aus den o.g. Gründen nicht die präferierte Art des Jagens. Darüber hinaus bin ich auch ein recht unruhiger Mensch und kann nicht ewig an einem Fleck verharren, somit ist das achtsame Bewegen durch die Natur für mich viel Facettenreicher. Ebenfalls ist die Gesellschaftsjagd nicht so mein Ding.

Auf diese Art (Pirschjagd) hatte ich mich nun also auch an meinen ersten Bock und mein erstes Stück Schalenwild überhaupt herangepirscht. Ein erfahrener Jäger hatte ihn mir Tage zuvor gezeigt und mich bekräftigt, dass wenn es sich richtig für mich anfühlt, ich es doch mal versuchen sollte. Es war ein milder Oktoberabend kurz nach Sonnenuntergang. Es passte alles, leichter Wind aus der richtigen Richtung, sodass er mich nicht wittern konnte, meine Hände zitterten, ich setzte die Waffe zum Schuss an, prüfte nochmals, ob ein sicherer Schuss möglich ist (ist das Schussfeld frei, gibt es einen Kugelfang) und visierte mein Ziel an. Durch richtiges Atmen wurde ich ruhig, der Finger wanderte zum Abzug, der Schuss löste sich. Egal was passiert – du, nur du allein bist für deinen Schuss verantwortlich und musst auch 100% mit den eventuellen Konsequenzen klar kommen. Ruhe. Das Zittern setzte wieder ein. Ich sah durch das Zielfernrohr, wie der Bock unmittelbar “im Feuer lag”, also direkt an Ort und Stelle zusammensackte. Inmitten seiner gewohnten Umgebung als freies Lebewesen. Ein absolut sauberer Schuss, dessen Knall er nicht einmal mehr mitbekommen hat. Ich habe ein Tier getötet. Es wurde noch ruhiger, der Wind wurde zur Flaute. Nachdem ich einige Minuten verharrte und mich gesammelt hab ging ich langsam in Richtung des Tieres, welches in ca. 30m Entfernung lag. Ja, da lag er nun – ich war der Verursacher. Auf dem Weg übers Rapsfeld habe ich zuvor noch einen Eichenzweig abgebrochen, welchen ich ihm nun in den Äser (Maul) legte. Ich legte meine Hand auf den Körper des Bocks, ich zitterte noch immer, mir kamen Tränen. Ich verharrte so für eine Weile, ich weiß nicht mehr wie lange genau das war. Ich war absolut präsent, absolut im hier und jetzt. Ich dankte ihm, dass er mir sein Leben schenkte und ich somit aus ihm fleischliche Nahrung gewinnen durfte. Ein surrealer Moment. Es ist nicht schön ein Tier zu töten. Punkt. Aber es ist notwendig, wenn man Fleisch konsumieren möchte. Dessen sollte sich jeder bewusst sein. Für Fleisch muss immer ein Lebewesen sterben, die Frage ist nur auf welche Art und Weise, unter welchen Bedingungen und wie hat es zuvor gelebt. Jeder Fleischesser sollte nach Möglichkeit etwas bewusster daran denken.

Nach weiteren Minuten die eine gefühlte Ewigkeit voller Gedanken und Emotionen war, mahnte mich mein Hund Bruno doch langsam mal dazu, wieder aufzustehen. Ich lud den Bock auf den Pickup und fuhr mit ihm an eine im Revier besser geeignete Stelle um ihn zu “versorgen”. Ich machte mich daran ihn aufzubrechen und – so wie ich es gelernt hatte – die für den menschlichen Verzehr geeigneten Innereien von denen zu trennen, die nicht für uns, jedoch für unsere Hunde durchaus noch genießbar sind. Somit verwerte ich das Tier vollkommen, er hat sein Leben gegeben um uns alle davon anteilig zu ernähren, nichts wird verschwendet. 

Abschließende Gedanken

Ich habe damals das erste Mal die volle Wertschöpfungskette erlebt. Ich habe das erste Mal getötet, ich habe mit eigenen Händen das Tier ausgenommen, verarbeitet, und das Fleisch eingefroren. Immer mal wieder haben wir dieses für mich so sehr bedeutsame Fleisch zu leckeren Gerichten verarbeitet, auch zu Weihnachten gab es das gute Fleisch vom Rehbock. Wir genießen das Fleisch sehr, ich weiß Fleisch nun viel mehr zu Schätzen, ich genieße es bewusst und ich habe Respekt vor diesem Lebensmittel und dem Tier, das dafür sterben musste. Wir essen nun deutlich seltener Fleisch, aber wenn es bei uns fleischliches Essen gibt, dann nur von selbst erlegten und zubereiteten Tieren. Ich weiß dieses große Privileg sehr zu schätzen, welches man als Jäger hat, sein eigenes Essen jagen zu dürfen. Nun sind wir quasi “Wild-Vegetarier”.

Wir haben das große Glück, dass wir in unserem Revier keinerlei “Probleme” mit invasiven Arten oder einer übermäßigen Anzahl von Raubwild noch Schwarzwild haben, sodass ich wirklich ehrlichen Gewissens sagen kann, dass ich nur dann ein Tier schieße, wenn es dazu dient, unsere eigene Truhe aufzufüllen, da wir beide dieses Fleisch gerne essen und sich unsere Hunde über die für den Menschen nicht verwertbaren Bestandteile freuen. Kein Tier, keine Gans, keine Ente, kein Rehwild wurde bisher geschossen, welches keiner Nachnutzung “zugeführt” wurde. (Ausnahmen bilden hier lediglich die sogenannten Hegeabschüsse, also kranke, leidende oder im Straßenverkehr verunfallte Tiere, deren Leid unverzüglich genommen werden muss). Die Trophäe, welche ich mir von diesem Bock gefertigt habe, lässt nun bei jedem Anblick die Geschichte dazu gedanklich wieder aufleben, die Emotionen wieder lebendig werden. Sie ist für mich Mahnmal und auch Stolz zugleich. Für mich steht jedoch immer die “Ausbeute” an Fleisch im Vordergrund, eine etwaige Trophäe ist immer zweitrangig.

Niemals hätte ich vor Beginn meiner Ausbildung gedacht, dass ich solch einen Text schreiben würde. Nun bin ich sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und an dieser gewachsen zu sein. Vieles hat sich für mich seitdem verändert, ich lebe bewusster, ich respektiere die Natur und das Leben darin stärker denn je, ich fühle mich sogar ein Stück weit geerdeter und verbundener. All dies zusammen hat mich wahrscheinlich auch nun dazu bewogen, berufsbegleitend eine wildnispädagogische Aus- bzw. Weiterbildung zu absolvieren um noch viele weitere und neue Erfahrungen und Erlebnisse zu machen. Die Reise geht weiter!

Waidmannsheil!