Jagd, Dankbarkeit, Rituale & Co.

Jagd, Dankbarkeit, Rituale & Co.


Dankbarkeit und Jagd – geht das zusammen?

Zum Thema “Töten eines Tieres” habe ich ja in einem vorherigen Beitrag teils emotionale Worte geschrieben und meine Sicht auf die Dinge geschildert. Dennoch ist es immer wieder generell eine Thematik die mich in vielen Aspekten packt, nachdenklich macht, umtreibt, in meinem Kopf rumgeistert. Zunehmend beschäftige ich mit dem Thema Jagdethik, habe bereits viel dazu gelesen und noch einige weitere Bücher warten darauf, durchgearbeitet zu werden. Es stellen sich Fragen wie: Welche intrinsischen und extrinsischen Quellen motivieren jemanden zur Jagd…? Was können wir aus altem Wissen lernen? Und noch so vieles mehr….
 
Sicherlich werde ich dieser Thematik und meinen Gedanken dazu auch hier in Zukunft noch den ein oder anderen Beitrag widmen und unter dem Hashtag #WAIDerdenken veröffentlichen und zusammenfassen – aber alles zu seiner Zeit.
 

Den Tatsachen ins Auge sehen

 
Ein Teilaspekt in dieser ganzheitlichen Betrachtung ist hier für mich das Thema Dankbarkeit. Dankbar kann man bei der Jagd für vieles sein – tolle Naturerlebnisse, intensive Erfahrungen, Ruhe und Besinnlichkeit, ein gewisser Grad an Autarkie, etc… Aber mir geht es hier um Dankbarkeit für den jagdlichen Erfolg – nicht in der Art und Weise wie man es vielleicht pauschalisierend und vorverurteilend meinen könnte: Trophäenkult, heroische Stammtischberichte, etc. – nein, es geht mir um Dankbarkeit dem Geschöpf gegenüber. Diese Dankbarkeit geht für mich tiefer, sie ist irgendwie ursprünglicher. Dieses Lebewesen hat mir zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Stelle das wertvollste gegeben, was es hat: sein Leben, um meine Familie und mich zu ernähren. Unsere Wege haben sich genau in diesem Moment gekreuzt, wo ich eine Entscheidung treffen muss – nutze ich diese Chance oder oder lasse ich die Chance verstreichen (…aber dennoch kehre ich so oder so mit wertvollen Erfahrungen und intensiven Momenten heim). Den Preis den das Tier dafür zahlt und die Konsequenz die dadurch entsteht – der Tod – ist unumkehrbar, ich allein trage hierfür die Verantwortung. Ich habe mir dieses Leben unter Wahrung der größtmöglichen Chancengleichheit (siehe auch vorherig zitierten Artikel), aber dennoch in vollem Bewusstsein meiner letztendlichen Überlegenheit genommen. Ich habe dieses Stück Land mit der Absicht betreten, mir fleischliche Nahrung auf die für mich natürlichste Art und Weise zu beschaffen und mir das zu nehmen, was einem die Natur an diesem Ort schenkt. Immer mehr kommt in mir der Wunsch danach auf, einen Teil davon zurückzugeben, meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen und dies alles nicht als alltäglich, sondern umso mehr mit dem notwendigen Respekt und der notwendigen Demut zu betrachten. 
 

Rituale

 
Sicherlich wird meine Wahrnehmung zunehmend für solche Details geschärft, je weiter ich mit meiner wildnispädagogischen Fortbildung voranschreite und auch Themen wie Brauchtümer & Rituale aus Zeiten der Subsistenzjagd, sowie alte indigene Traditionen behandelt werden. Mein Ausbilder und Mentor – selbst auch ein sehr erfahrener Waidmann – hat mir genau hier viel Inspiration gegeben und einen kleinen Einblick in seine Jagdpraxis zugelassen, welche von höchstem Respekt der Natur und deren Geschöpfen gegenüber geprägt ist. Hierzu zählt auch, den Beginn und das Ende der Jagd mit einem festen Ritual zu bestreiten. Welches Ritual genau – das muss jeder am besten für sich selbst herausfinden. Aber es ist schön, einer gewissen “Handlung” – hier der Jagd – einen festen Rahmen zu geben, sodass man sich, seinen Körper, seinen Geist und alle Sinne voll darauf fokussieren kann – und am Ende das ganze mit einem “Schlussritual” wiederum ausklingen lässt. Was in grauen Vorzeiten sicherlich sehr martialisch mit schamanischen Trommeln, etc. vonstatten ging, ist auf die heutige Zeit durchaus adaptierbar, denn die über viele Waidmannsgenerationen tradierten Bräuche vom An- und Abblasen der Jagd, den Brüchen, etc. sind im Prinzip ähnlich – nur weniger mystisch und spirituell. 
 
Auch ich habe hier mein ganz eigenes, festes Ritual entwickelt – insbesondere hat für mich die Art der Danksagung an Bedeutung gewonnen. Denn hier greift wieder die Sache mit der Dankbarkeit – Dankbarkeit  für das Leben, welches gegeben wurde und Dankbarkeit für die Nahrung und Werkstoffe, welche gewonnen wurden. Neben den klassischen waidmännsichen Respektsbekundungen wie z.B. das Innehalten neben dem erlegten Stück und dem letzten Bissen kam in mir immer mehr das Bedürfnis auf, darüber hinaus quasi als Geste der Wertschätzung, ja fast schon der Apologie gegenüber dem Beutetier, einen Teil in den Kreislauf an exakt den Ort zurückzubringen, wo das Lebewesen seinen Mittelpunkt hatte. 
 

Die Sache mit der Dankbarkeit

 
Nennt mich verrückt oder auch spirituellen Spinner, aber mir ist es wichtig (obwohl durchaus auch als Lebensmittel zum Verzehr geeignet), das Herz des erlegten Stückes Haarwild dorthin im Revier zurückzubringen und zu vergraben (ich möchte hier nicht beerdigen sagen, denn das steht für mich in einem völlig anderen Kontext), wo das Tier  zeitlebens seinen Platz hatte, in den dortigen Kreislauf eingebunden war und es nunmehr zu einem gewissen Teil auch symbolisch wieder ist. Eine für mich persönlich sehr kraftvolle Geste. Durch dieses (vielleicht auch zunächst schräg klingende) Ritual durchlebt man erneut intensiv die damit verbundenen Erlebnisse der Jagd, wird sich abermals bewusst, dass man ein Leben genommen hat um Nahrung und Werkstoffe zu gewinnen und erweist gleichzeitig einen hohen Respekt dem Tier, dem Kreislauf an diesem Flecken Erde und der Natur und ihrer Ressourcen an sich gegenüber. 
 
Letztendlich ist die klassische Trophäe an der Wand mit einer ähnlichen Symbolik verknüpft – und je nach Blickwinkel ist das für den ein oder anderen Betrachter bestimmt genauso schräg und abgefahren, einen Schädelknochen im heimischen Wohnzimmer aufzuhängen.
 

Geht raus in die Natur, erlebt diese hautnah und macht eure eigenen Erfahrungen – wachst an ihnen und traut euch hier und da mal, die Komfortzone zu verlassen.

Abschließende Worte

 
Warum nun der ganze Text? Erstens, weil ich es einfach mal loswerden wollte und zweitens weil ich dem ein oder anderen von euch eine Inspiration für das eigene Handeln geben möchte und dazu ermutigen will, einfach mal über den Tellerrand zu schauen. Ich finde es immer wichtig, althergebrachtes mit eigenen Erfahrungen zu hinterfragen, eigene und neue Gedanken mit einzubringen, zeitgemäße aber auch bewährte und persönlich für gut befundene Dinge zu adaptieren und letztendlich seinen ganz eigenen Weg zu finden und diesen zu gehen. Wenn ihr euch damit wohl fühlt – gut so!
 
Geht raus in die Natur, erlebt diese hautnah und macht eure eigenen Erfahrungen – wachst an ihnen und traut euch hier und da mal, die Komfortzone zu verlassen – denn nur so wirst du neues lernen. Die Welt da draußen im Grünen mit all ihren komplexen Zusammenhängen ist ein Geschenk, dessen wir uns jeden Tag erneut bewusst werden sollten. Umso wichtiger ist es, diese zu schützen und zu bewahren. Hier lohnt es sich einfach immer mal wieder – und damit schließt sich der Kreis – auf die vielen uralten Traditionen und Rituale der indigenen Völker und derjenigen Generationen vor uns zu schauen, die genau diesen Fleck Erde wo du dich gerade befindest vor dir bewohnt und genutzt haben und sich ihren wertschätzenden und respektvollen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen vor Augen zu führen. Das soll nun nicht als Plädoyer dafür verstanden werden, dass wir alle wieder in die Höhe ziehen müssen und uns jeglichen Fortschritt gegenüber verschließen, nein, aber große Teile dieses alten Wissens sind heute aktueller denn je und sie haben es verdient, mal genauer betrachtet und ggf. in kleinen Teilen auch in unseren Alltag und unser Bewusstsein integriert zu werden. Zumindest einen Versuch ist es wert.
 
Die Reise geht weiter… 
 
Bleibt gesund und Waidmannsheil!
 

 

Literaturtipps:

Aus der Sicht eines Jägers: Wie es ist, ein Tier zu töten – Vom “Allesfresser” zum bewussten “Wild-Vegetarier”

Nachhaltiges Fleisch, Wildfleisch, Wild Vegetarier
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Vorab:
Lange habe ich überlegt, ob ich über ein derart kontrovers diskutiertes Thema einen Beitrag schreiben soll – dennoch wollte ich der Sache einige Zeilen widmen. Es handelt sich hier ausschließlich um meine eigene Meinung, meine eigenen Erfahrungen und meine eigenen Ansichten. Ich gebe die Dinge genau so wieder, wie ich sie wahrnehme und empfinde. Weder möchte ich hier jemanden von meiner Sicht auf die Dinge überzeugen, noch erhebe ich den Anspruch, dass meine Einstellung der Weisheit letzter Schluss ist. Alle die sich ggf. schon jetzt “leicht angetriggert” fühlen, sollten besser erst gar nicht weiterlesen, alle anderen bekommen eine 100% ehrliche und unzensierte Sicht auf die Dinge, so wie ich sie erlebt habe.

Kannst du ein Tier töten? – Dieser Frage gehe ich hier auf den Grund

Inhalt

 1. Fleisch in allen Facetten – so war es bis vor einigen Jahren
 2. Der Weg zur Jagdausbildung – Wissen aneignen ja, töten nein
 3. Ich hinterfrage meinen bisheriges Konsumverhalten
 4. Meine Erkenntnis und der Wandel
 5. Ich habe ein Tier getötet
 6. Abschließende Gedanken

Fleisch in allen Facetten – so war es bis vor einigen Jahren

Es gab eine Zeit, da habe ich Fleisch relativ undifferenziert konsumiert – ich möchte es sogar als achtlos bezeichnen. Morgens ordentlich Aufschnitt, Mittags schnell nen Burger oder ein Leberkäse-Brötchen und abends den Grill an und alles drauf, was der Kühlschrank hergab. Gekauft wurden die Vorräte meist im Supermarkt-Kühlregal. Massentierhaltung? – Ja, schon mal von gehört. Biofleisch? –  Ist zu teuer bei den Mengen. Kaufen vor Ort beim Schlachter/Metzger?- Bedeutet ne Extratour, viel zu unpraktisch! 

Der Weg zur Jagdausbildung – Wissen aneignen ja, töten nein

Die Jagdausbildung war schon lange ein Wunsch, es fehlte nur immer der zündenden Funke vom “Wollen” einfach mal ins “Machen” zu kommen. Irgendwann war aber der Moment gekommen und ich stellte den Kontakt zur örtlichen Kreisjägerschaft her, um mich über die Ausbildung zu informieren. Mein Antrieb war es, als seit jeher sehr naturverbundener Mensch, durch diese Ausbildung mein Wissen und die Kenntnis über viele Zusammenhänge weiter zu vertiefen und zu erweitern, es lag mir zu diesem Zeitpunkt fern, je ein Tier zu töten. Daher war auch eine meiner ersten Fragen, ob dies Bestandteil der Ausbildung ist. Entgegen der (für mich bis dahin) landläufigen Meinung ist es dies mitnichten – heißt also ich konnte all das Wissen “mitnehmen”, aber würde mein Gewissen nicht  belasten. Es wurde mir sehr freundlich, geduldig und ausführlich erklärt, dass zwar das Aufbrechen und Zerwirken (also das Ausnehmen und Verarbeiten) des Wildes schon Bestandteil der praktischen Ausbildung ist, jedoch eben nicht das Antragen des tödlichen Schusses. Ich unterschrieb die Anmeldung und zur meiner großen Freude hat meine Partnerin das gleiche getan – also hieß es fortan für mehr als ein halbes Jahr gemeinsam wieder die “Schulbank” drücken.

Ich hinterfrage meinen bisheriges Konsumverhalten

Schon nach kurzer Ausbildungszeit wurde mir deutlich, mit wie viel Respekt die Ausbilder der Natur und auch deren Lebewesen entgegentraten. Es wurde in der Theorie immer wieder betont, dass Brauchtum seit jeher in der Jägerschaft tradiert wird und großen Wert darauf gelegt wird. Um nur einige der vermittelten Dinge zu nennen: Nach dem Schuss hält der Jäger neben dem erlegten Stück inne (ein absolut bewegender Moment, den jeder anders erlebt – nicht selten kommen hier auch große Emotionen ins Spiel), die Gabe des letzten Bissens (hier wird ein von einigen wenigen dazu bestimmten Baumarten abgebrochener Zweig ins Maul des erlegten Tieres gelegt), das Verblasen (das Spielen eines Jagdhornsignals zu Ehren und aus Respekt gegenüber des erlegten Wildes), etc. Dem Leben derart Respekt zu zollen hat mich sehr beeindruckt und zum Nachdenken über mein bisheriges Konsum- und Essverhalten bewogen – dazu jedoch später mehr.

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Irgendwann innerhalb der Ausbildung kam dann der Tag, wo auch wir praktisch ein Tier Aufbrechen und Zerwirken durften. Ich war recht nervös vor diesem Tag, denn bisher hatte ich derartiges noch nie miterlebt, geschweige denn selbst getan (Ich komme aus keiner jagdlichen- oder landwirtschaftlichen Familie). Ich war sehr demütig vor dieser Aufgabe und dieser unmittelbare Kontakt mit dem Tod eines Tieres und dem damit verbundenen Herstellungsprozess eines hochwertigen Lebensmittels hat meine Achtung vor dem Leben und dem Lebewesen an sich auf ein bisher nie dagewesenes Maß gesteigert.

Meine Erkenntnis und der Wandel

Ich konnte meinen bisherigen undifferenzierten Fleischkonsum mit den neu dazugewonnenen (für mich teils wirklich tiefgreifenden) Erfahrungen nicht einfach so fortführen. Das Konsumieren einfach nur aus “des Fleisches Willen” lässt sich nicht mehr mit meinen neuen, gewachsenen und angepassten moralischen Vorstellungen vereinen. Ja ich mag Fleisch und nein, ich möchte nicht gänzlich darauf verzichten. Aber Fleisch von Tieren zu essen, die wohlmöglich nie das Tageslicht gesehen haben, die unter Bedingungen existieren müssen (leben ist hier das falsche Wort), die für mich absolut nicht hinnehmbar sind, wo das einzelne Leben und auch das Leben an sich nicht respektiert wird und das Tier einfach Mittel zum Zweck ist – nein, sorry – da bleibt mir der Bissen im Halse stecken. Ja ich habe mich der Thematik gestellt und mich mal aktiv über einige Haltungsbedingungen informiert, wegsehen wie bisher wollte ich nicht. Ich will hier niemanden anprangern und ich weiß, dass letztendlich auch kein Landwirt seine Tiere schlecht behandeln möchte, nur leider diktiert der Preis (wie so häufig) und schlussendlich der Verbraucher wo es langgeht… Umso mehr wuchs mein Bewusstsein, dass Wild absolut frei ist. Keine Zäune, keine Stallungen – mehr Bio geht nicht. Wenn die Kugel den Lauf verlässt fliegt diese schneller als der Schall – ehe es also einen Knall vernimmt ist es auch schon tödlich getroffen. Kein Stress, kein Adrenalin (Vorausgesetzt der Schuss sitzt perfekt – dazu später mehr). Selbst beim besten Biofleisch, welches ich durchaus empfehle, wird das Tier auf dem letzten Weg zum Schlachthof großen Stress ausgesetzt. Dies wird häufig vergessen. Seltene Ausnahmen bilden hier diejenigen Biobauern, die ihre Tiere direkt auf der Koppel (in einem etwas abgesonderten Bereich von der restlichen Herde) erlegen lassen – die sogenannte Weideschlachtung.

Wenn wir – und hier spreche ich auch für meine Partnerin – Fleisch konsumieren, dann soll es zukünftig nur noch selbst erlegtes sein. Lieber verzichten wir auf regelmäßigen Fleischkonsum, dafür lieber bewusst genießen und dem hochwertigem Lebensmittel den Respekt zollen, den es verdient. Nur hierzu muss getötet werden – den Schritt bin ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegangen. Kann ich ein Tier töten?

Ich habe ein Tier getötet

Irgendwann kam der Tag X, ich hatte schon einige Monate den Jagdschein und eine feste, dauerhafte Jagdmöglichkeit, jedoch habe ich mir Zeit gelassen selbst aktiv zu jagen. Ich hatte mich zunächst erst in aller Ruhe mit dem Revier und all seinen Eigenschaften vertraut gemacht und mich der Hege gewidmet. Ich wollte nichts überstürzen, ich wollte mir sicher sein. Für mich ganz persönlich bedeutet dies auch: Ich besitze nur Kipplaufwaffen, dass heißt ich habe nur einen Schuss und kann nicht schnell nachladen. Das soll nicht heißen, dass das Führen einer Repetierwaffe zu waghalsigeren Schüssen verleitet, weil man “ja noch schnell einen zweiten Schuss antragen könnte”, nur stellt sich mir diese Frage per se erst gar nicht. Ein Schuss, eine Chance – hier muss alles passen. Wenn ich mir nicht 100% sicher bin, dann lasse ich es. Dies – das nehme ich nun einfach mal an – gilt jedoch bestimmt für die meisten Jäger, unabhängig von der Waffe. Der zweite für mich wichtige Aspekt ist, dass ich bisher jedes Tier durch heranpirschen erlegt habe. Heißt also, das achtsame und möglichst geräuschlose Annähern an das Tier, bis eine sichere Schussdistanz besteht. Ein Fehler, ein falscher Tritt, ein knackendes Ästchen oder ein Rascheln des Laubes und das Tier flüchtet. Für mich bedeutet das Chancengleichheit. Verhalte ich mich tollpatschig, muss ich mit dem nicht vorhandenen Jagderfolg abfinden und somit auch einem leerem Gefrierfach leben. Stelle ich mich geschickt an, mache ich Beute (so wie es eben auch in der Natur ist). Der Schuss aus 100m von einem Hochsitz aus (Ansitzjagd) ist für mich aus den o.g. Gründen nicht die präferierte Art des Jagens. Darüber hinaus bin ich auch ein recht unruhiger Mensch und kann nicht ewig an einem Fleck verharren, somit ist das achtsame Bewegen durch die Natur für mich viel Facettenreicher – immer jedoch auch unter dem Aspekt, dass Wild durch unnötige Pirscherei nicht zu sehr zu beunruhigen. Ebenfalls ist die Gesellschaftsjagd nicht so mein Ding.

Auf diese Art (Pirschjagd) hatte ich mich nun also auch an meinen ersten Bock und mein erstes Stück Schalenwild überhaupt herangepirscht. Ein erfahrener Jäger hatte ihn mir Tage zuvor gezeigt und mich bekräftigt, dass wenn es sich richtig für mich anfühlt, ich es doch mal versuchen sollte. Es war ein milder Oktoberabend kurz nach Sonnenuntergang. Es passte alles, leichter Wind aus der richtigen Richtung, sodass er mich nicht wittern konnte, meine Hände zitterten, ich setzte die Waffe zum Schuss an, prüfte nochmals, ob ein sicherer Schuss möglich ist (ist das Schussfeld frei, gibt es einen Kugelfang) und visierte mein Ziel an. Durch richtiges Atmen wurde ich ruhig, der Finger wanderte zum Abzug, der Schuss löste sich. Egal was passiert – du, nur du allein bist für deinen Schuss verantwortlich und musst auch 100% mit den eventuellen Konsequenzen klar kommen. Ruhe. Das Zittern setzte wieder ein. Ich sah durch das Zielfernrohr, wie der Bock unmittelbar “im Feuer lag”, also direkt an Ort und Stelle zusammensackte. Inmitten seiner gewohnten Umgebung als freies Lebewesen. Ein absolut sauberer Schuss, dessen Knall er nicht einmal mehr mitbekommen hat. Ich habe ein Tier getötet. Es wurde noch ruhiger, der Wind wurde zur Flaute. Nachdem ich einige Minuten verharrte und mich gesammelt hab ging ich langsam in Richtung des Tieres, welches in ca. 30m Entfernung lag. Ja, da lag er nun – ich war der Verursacher. Auf dem Weg übers Rapsfeld habe ich zuvor noch einen Eichenzweig abgebrochen, welchen ich ihm nun in den Äser (Maul) legte. Ich legte meine Hand auf den Körper des Bocks, ich zitterte noch immer, mir kamen Tränen. Ich verharrte so für eine Weile, ich weiß nicht mehr wie lange genau das war. Ich war absolut präsent, absolut im hier und jetzt. Ich dankte ihm, dass er mir sein Leben schenkte und ich somit aus ihm fleischliche Nahrung gewinnen durfte. Ein surrealer Moment. Es ist nicht schön ein Tier zu töten. Punkt. Aber es ist notwendig, wenn man Fleisch konsumieren möchte. Dessen sollte sich jeder bewusst sein. Für Fleisch muss immer ein Lebewesen sterben, die Frage ist nur auf welche Art und Weise, unter welchen Bedingungen und wie hat es zuvor gelebt. Jeder Fleischesser sollte nach Möglichkeit etwas bewusster daran denken.

Nach weiteren Minuten die eine gefühlte Ewigkeit voller Gedanken und Emotionen war, mahnte mich mein Hund Bruno doch langsam mal dazu, wieder aufzustehen. Ich lud den Bock auf den Pickup und fuhr mit ihm an eine im Revier besser geeignete Stelle um ihn zu “versorgen”. Ich machte mich daran ihn aufzubrechen und – so wie ich es gelernt hatte – die für den menschlichen Verzehr geeigneten Innereien von denen zu trennen, die nicht für uns, jedoch für unsere Hunde durchaus noch genießbar sind. Somit verwerte ich das Tier vollkommen, er hat sein Leben gegeben um uns alle davon anteilig zu ernähren, nichts wird verschwendet. 

Abschließende Gedanken

Ich habe damals das erste Mal die volle Wertschöpfungskette erlebt. Ich habe das erste Mal getötet, ich habe mit eigenen Händen das Tier ausgenommen, verarbeitet, und das Fleisch eingefroren. Immer mal wieder haben wir dieses für mich so sehr bedeutsame Fleisch zu leckeren Gerichten verarbeitet, auch zu Weihnachten gab es das gute Fleisch vom Rehbock. Wir genießen das Fleisch sehr, ich weiß Fleisch nun viel mehr zu Schätzen, ich genieße es bewusst und ich habe Respekt vor diesem Lebensmittel und dem Tier, das dafür sterben musste. Wir essen nun deutlich seltener Fleisch, aber wenn es bei uns fleischliches Essen gibt, dann nur von selbst erlegten und zubereiteten Tieren. Ich weiß dieses große Privileg sehr zu schätzen, welches man als Jäger hat, sein eigenes Essen jagen zu dürfen. Nun sind wir quasi “Wild-Vegetarier”.

Wir haben das große Glück, dass wir in unserem Revier keinerlei “Probleme” mit invasiven Arten oder einer übermäßigen Anzahl von Raubwild noch Schwarzwild haben, sodass ich wirklich ehrlichen Gewissens sagen kann, dass ich nur dann ein Tier schieße, wenn es dazu dient, unsere eigene Truhe aufzufüllen, da wir beide dieses Fleisch gerne essen und sich unsere Hunde über die für den Menschen nicht verwertbaren Bestandteile freuen. Kein Tier, keine Gans, keine Ente, kein Rehwild wurde bisher geschossen, welches keiner Nachnutzung “zugeführt” wurde. (Ausnahmen bilden hier lediglich die sogenannten Hegeabschüsse, also kranke, leidende oder im Straßenverkehr verunfallte Tiere, deren Leid unverzüglich genommen werden muss). Die Trophäe, welche ich mir von diesem Bock gefertigt habe, lässt nun bei jedem Anblick die Geschichte dazu gedanklich wieder aufleben, die Emotionen wieder lebendig werden. Sie ist für mich Mahnmal und auch Stolz zugleich. Für mich steht jedoch immer die “Ausbeute” an Fleisch im Vordergrund, eine etwaige Trophäe ist immer zweitrangig.

Niemals hätte ich vor Beginn meiner Ausbildung gedacht, dass ich solch einen Text schreiben würde. Nun bin ich sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und an dieser gewachsen zu sein. Vieles hat sich für mich seitdem verändert, ich lebe bewusster, ich respektiere die Natur und das Leben darin stärker denn je, ich fühle mich sogar ein Stück weit geerdeter und verbundener. All dies zusammen hat mich wahrscheinlich auch nun dazu bewogen, berufsbegleitend eine wildnispädagogische Aus- bzw. Weiterbildung zu absolvieren um noch viele weitere und neue Erfahrungen und Erlebnisse zu machen. Die Reise geht weiter!

Waidmannsheil!